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Die Einnahme der Stadt Rom durch die Kelten im Jahr 387 v. Chr.
Wie die Römer diese Niederlage verkrafteten


1. Dies ater Aliensis

Die Römer haben selten eine Schlacht verloren, aber wenn sie doch einmal eine Niederlage einstecken mussten, war diese umso vernichtender gewesen und ging als große Schlacht in die Geschichte ein.
Am 18. Juli 387 v. Chr. kam es zu so einer Niederlage am Bach Allia, 20 km nördlich von Rom. Die Senonen, ein gallischer Stamm, der schon vorher nach Norditalien vorgedrungen war und sich dort angesiedelt hatte, griffen unter ihrem Führer Brennus die Etruskerstadt Clusium an, welche sofort Rom um Hilfe bat. Der Senat schickte aufgrund dieses Hilferufs Gesandte aus dem Geschlecht der Fabier, die allerdings bei den Verhandlungen mit den Galliern allzu ungestüm vorgingen und so statt Frieden zu schaffen zu den Waffen griffen, was eine Verletzung des Völkerrechts darstellte. Brennus forderte, nachdem einer seiner Keltenfürsten von Quintus Fabius getötet worden war, vom römischen Senat aufgrund dieser Rechtsverletzung Genugtuung, die dieser jedoch wegen des hohen Standes der Fabier ablehnte. Als die Gallier hörten, dass „die Verletzer des Völkerrechts auch noch geehrt und ihre Gesandtschaft verhöhnt“ worden war, erklärten sie ihnen den Krieg.
So zogen die Römer schließlich den Senonen entgegen und trafen am oben genannten Tag an der Allia aufeinander. Dieser Tag sollte als dies ater Aliensis, der „schwarze Tag von der Allia“ , in die Geschichte eingehen, ein Tag, der noch bis in die Spätantike Staatstrauertag bleiben sollte. Die Römer wurden durch die Schnelligkeit der Feinde und ihre eigene Dummheit vernichtend geschlagen und der Großteil der Überlebenden flüchtete kopflos nach Veji, die restlichen nach Rom, aber statt die Stadttore zu schließen und zu bewachen flüchteten sie aufs Kapitol. So erreichten die Gallier eine schutzlose Stadt mit offenen Toren, die sie ohne Schwierigkeiten einnehmen und belagern konnten.
Diese Niederlage lag schwer auf den Römern, vor allem weil eine Einnahme des starken Roms vorher noch nie vorgekommen war und es auch hinterher erst wieder in der Völkerwanderungszeit so weit kommen sollte. Sie haben auch niemals die Worte des Brennus vergessen, der, als er sein Schwert in die Waagschale legte, sprach: „Vae Victis!“, „Wehe den Besiegten!“ (Anlage 1). Ein Satz, der den Römern wohl lange Zeit bitter im Gedächtnis blieb und mit dem vermutlich „die traumatische Angst der Römer vor den nördlichen Barbaren“ begann.
Wie nun gingen die Römer mit solch einer Niederlage um? Welche Erklärungsversuche gab es? Und zogen die Römer irgendwelche Lehren daraus?
Der römische Geschichtsschreiber Livius gibt uns in seiner „Römischen Geschichte“ Antworten auf diese Fragen. Leider ist sein Werk auch das Einzige, das etwas über diesen Fall aussagt und noch erhalten ist, denn bei Cassius Dio und Polybios finden sich jeweils nur kurze Erwähnungen dieser Niederlage. Livius jedoch schrieb seine Sichtweise der Dinge nieder und bringt uns ausführlich näher wie die Römer diese Niederlage verkrafteten. Dass das ganze wohl mehr Fiktion als Wahrheit ist, soll außen vor bleiben.

2. Wie die Römer diese Niederlage verkrafteten

2.1. Erklärungsversuche
2.1.1. Missachtung göttlicher Warnungen
Schon zu Beginn seines Werkes spricht Livius von Warnungen der Götter. So soll Marcus Caedicius in der Nacht eine laute Stimme gehört haben, die ihm befohlen hatte, die Beamten von einem Anrücken der Gallier zu informieren. Da er jedoch von niedrigem Stand - ein Plebejer - war, wurde diese Warnung ignoriert und so das Unglück regelrecht heraufbeschworen. Hinzu kommt noch, dass sie, als es zur Schlacht kam, so schnell und überraschend ins Feld ziehen mussten, dass ihnen nicht einmal mehr Zeit blieb die Auspizien für die Götter - die Opfer, die man vor einer Schlacht vornimmt um die Götter nach ihrem Willen zu befragen - zu bereiten , was ein weiteres schlechtes Omen für einen Krieg war.
Die meisten antiken Geschichtsschreiber versuchen Niederlagen hinterher zu erklären, indem sie die Warnungen der Götter nennen, die ungeachtet blieben. Möglicherweise hätte es in diesem Fall etwas geändert, weil die Römer nicht so überraschend in die Schlacht hätten ziehen müssen, wenn sie sich schon vorher auf einen Angriff eingestellt und die notwenigen Vorkehrungen getroffen hätten. So aber mussten sie den Zorn der Götter spüren und erlitten eine schlimme Niederlage. Sie mussten erkennen, dass die Götter ihnen auch feindlich gesinnt sein konnten und es nicht zu empfehlen war, dies heraufzubeschwören. Jedoch sollte ihnen dieser Fehler kurze Zeit später eine Lehre sein, den ihnen auch Camillus in seiner Rede wieder vor Augen führte, als er davon sprach, dass es immer einen glücklichen Ausgang genommen habe, wenn man den Göttern gefolgt ist und einen unglücklichen, wenn man sie missachtet hat.

2.1.2. Verfluchung
Ein weiterer Fehler der Römer war gewesen, dass sie Marcus Furius aus der Stadt verbannt hatten, den einzigen Mann, der ihnen in einem Krieg eine Hilfe gewesen wäre. Er folgte diesem Urteil, bat jedoch die Götter von der Verbannung aus, dass sie die Römer dafür strafen sollten, sollte ihr Urteil ihm gegenüber falsch sein. Er forderte von den Göttern, dass sie „in der undankbaren Bürgerschaft das Verlangen nach seiner Rückkehr wecken“ mögen. Diese Bitten kamen einer Verfluchung gleich, deren Auswirkungen die Römer durch den Einfall der Gallier erfuhren. Denn kaum hatten sie Furius vertrieben trafen die Gesandten von Clusium in Rom ein und baten um Hilfe gegen die Gallier.
Auch diese Art von Erklärungsversuchen findet sich in vielen antiken Quellen wieder. Auch in anderen Niederlagen, z.B. der des Crassus gegen die Parther, ist von einem ausgesprochenen Fluch die Rede, der einen Kampf negativ beeinflusste. In diesem Fall war es nicht anders, denn wenn sie diesen Mann nicht verbannt hätten, wäre er vermutlich fähig gewesen die Gallier zurückzuschlagen und es wäre somit nie zu einer Einnahme der Stadt Rom gekommen. Auch sollten sie später aus diesem Fehler lernen und die Verbannung wieder aufheben und, wie sollte es anders sein, wird er als Diktator Rom vor den Galliern retten.

2.1.3. Völkerrechtsverletzung
Ein sehr wichtiger Punkt in diesem Krieg war sicher, dass die Römer gegen ihr eigenes Recht handelten. So schickten sie Gesandte, die einen Krieg mehr provozierten als einen Frieden auszuhandeln. Livius bezeichnet sie in ihrer Verhandlungsweise „mehr den Galliern ähnlich als den Römern“. Sie gingen auf die Forderung der Gallier, Land für sich zu erhalten, gar nicht ein, sondern schlossen sich, ohne wenigstens einen Versuch zu unternehmen diesen Streit zu schlichten, den Bewohnern von Clusium an und griffen gegen das Gesetz in deren Krieg ein. Livius meint, dass damit das Verhängnis über Rom hereinbricht. Als Brennus hinterher für diese Völkerrechtsverletzung in Rom Genugtuung forderte, mussten seine Gesandten erfahren, dass die Fabier statt bestraft auch noch geehrt worden waren – eine Fehlentscheidung des Senats, die dieser jedoch von sich ablenkte, indem er das Volk entscheiden ließ. In der Volksversammlung hatte die Macht der Fabier allerdings noch mehr Einfluss als im Senat und so war es nicht verwunderlich, dass diese die Gesandten freisprachen und stattdessen sogar noch mit der Ernennung zum Militärtribun belohnten. Hier wird deutlich, dass man sich, wenn man den dafür nötigen hohen Rang hat, alles erlauben kann, denn der Senat zögerte nur diese Rechtsverletzung zu ahnden, weil die Fabier in Rom sehr angesehen waren und sich somit viele Stimmen gegen ihn erhoben hätten.
Mit dieser Erklärung argumentieren sowohl Livius als auch Cassius Dio. Es war also ein Krieg, der durch eine Fehlentscheidung des Senats und der Volksversammlung hervorgerufen worden war – sozusagen ein Fehler von Menschen. Man könnte auch noch hinzufügen, dass es in der menschlichen Natur liegt, manchmal falsche Entscheidungen zu treffen und man ihnen daher keinen Vorwurf machen kann, solange sie daraus lernen und es, worauf ich später noch eingehen werde, hinterher besser machen.

2.1.4. Unfähigkeit
Doch nicht nur der Senat, auch die militärischen Führer waren in diesem Krieg von Unfähigkeit befallen. So nahmen die Römer die Gallier nicht wirklich ernst, sondern scherzten und verharmlosten den Krieg, statt sich ordentlich dafür zu rüsten. Auch suchten sie sich keinen wirklich fähigen Führer oder forderten Hilfstruppen an, sondern zogen unter Tribunen in den Kampf, die sich ohne jegliche Organisation den Galliern im Feld stellten. Sie machten sich nicht einmal daran ein Lager zu richten, das sie leichter hätten verteidigen können, sondern traten den Feinden aus dem Marsch heraus entgegen. Möglicherweise waren sie von ihren bisherigen Erfolgen und der Macht die sie in Italien ausübten, so geblendet, dass sie unvorsichtig wurden.
Livius verglich das römische Heer in dieser Schlacht an der Allia mehr mit den Galliern als dem eigenen Volk, einen Vorwurf, den er vorher auch schon bei den Gesandten angebracht hatte.
Es herrschte ab dem Zeitpunkt, an dem Brennus den Reserveflügel angegriffen hatte, eine Kopflosigkeit und Verwirrung sowohl unter den Soldaten als auch den Führern, dass sich Angst und der Drang zur Flucht rasend schnell ausbreiteten. Somit war das Ende schon zu Beginn absehbar, verursacht durch die Unfähigkeit das Heer zu organisieren und den Soldaten Mut zuzusprechen. Die Soldaten flohen schließlich schon bevor sie überhaupt einen Feind zu Gesicht bekommen hatten und rannten kopflos in Richtung Veji, obwohl dort der Tiber ein Hindernis darstellte, anstatt sich nach Rom zurückzuziehen und die Vaterstadt zu verteidigen. Als in dieser Schlacht alles verloren war, dachten die Militärtribune trotzdem nicht daran Rom zu warnen und einen Boten vorauszuschicken. Stattdessen überließen sie die Stadt schutzlos den Feinden.
Man könnte jetzt auch noch einen Sündenbock für das Blutbad in Rom finden, das die Gallier nach Einnahme der Stadt unter den zurückgebliebenen Älteren anrichteten, denn vielleicht wäre es auch dazu nicht gekommen, wenn nicht Marcus Papirius einen Gallier, der ihn wie ein göttliches Standbild betrachtete, mit seinem Elfenbeinstock auf den Kopf geschlagen und dadurch dessen Zorn sozusagen herausgefordert hätte. Vielleicht ist das auch zu weit hergeholt, aber ich möchte es hier trotzdem als Punkt mit aufführen, weil es meiner Meinung nach ein Fehler des Römers war.
Einen Sündenbock zu suchen, findet sich in allen römischen Erklärungsversuchen für Niederlagen wieder. Denn um eine Niederlage hinterher zu verkraften, brauchte man jemanden, dem man dafür die Schuld geben konnte und dafür wurden meist die militärischen Führer herangezogen. Das war bei Crassus und Varus dasselbe wie in diesem Kampf gegen die Kelten. Die römischen Geschichtsschreiber bauten dadurch das Bild einer unschlagbaren römischen Armee auf, die an Mut, Tapferkeit und Können nicht zu übertreffen war, solange sie einen fähigen Führer hatte, der sie nicht ins Unglück führte.

2.1.5. Feindbild
Es war auch immer hilfreich ein schlimmes Bild des Gegners zu zeichnen um dem Volk eine Niederlage zu erklären. Das war auch hier nicht anders. Die Gallier wurden als fürs römische Auge ungewohnte Gestalten dargestellt, die den Römern an Körpergröße überlegen waren und zudem noch unter einem schaudererregenden Gesang in die Schlacht zogen. Außerdem führten sie Waffen mit sich, die die Römer vorher nicht gekannt hatten. Hinzu kam noch die zahlenmäßige Überlegenheit gegenüber dem römischen Heer, mit dem sie an der Allia zusammentrafen.
Das Bild, das dadurch entsteht, ist das eines Gegners, der nur durch Schrecken und Überzahl diesen Sieg davongetragen hatte und nicht durch wahre Kampfeskraft. Der Heerführer Camillus, auf den ich später noch eingehen werde, meinte sogar, dass diese Niederlage und die Einnahme der Stadt Rom keine richtige Niederlage war, weil die Gallier einem zahlenmäßig weit unterlegenem römischen Heer gegenüberstanden und die Stadttore nicht mehr erstürmen mussten, sondern einfach ohne Gegenwehr hineinspazierten konnten. Durch solche Worte war es für die Römer sicherlich leichter diese Niederlage zu verkraften und vor allem neue Hoffnung zu sammeln. Es waren auch solche Reden, die die Römer hinterher wieder zu Römern machten und sie dazu befähigten, die Stadt zurückzuerobern.

2.2 Lehren aus den Geschehnissen
2.2.1. Religiöse Sitten und Heiligtümer
Aus der vorangegangenen Vernachlässigung der religiösen Sitten zogen die Römer ihre Lehren. So waren sie sehr bedacht darauf die Verehrung der Götter trotz der Belagerung fortzusetzen, um diese nicht noch einmal zu erzürnen. Oben genannte Tat des C. Fabius Dorsuo war ein Beispiel dafür, was sie auf sich nahmen, um die Götter wieder für sich zu gewinnen. Sie waren von Anfang an darauf bedacht, die Heiligtümer in Sicherheit zu bringen und stellten dabei auch die Sorge um ihre persönliche Habe zurück. So ließ beispielsweise der Plebejer L. Albinus seine Frau und seine Kinder vom Wagen absteigen um die Priesterinnen, die die Heiligtümer trugen, nach Caere zu fahren, weil er es für einen Frevel hielt, wenn die göttlichen Priesterinnen laufen mussten, während er mit seiner Familie auf einem Wagen fuhr. Auch in der Tatsache, dass die Römer, obwohl sie Hunger litten, die heiligen Gänse der Juno nicht anrührten, kommt ihre starke Ehrfurcht vor der Göttin zum Ausdruck. Und als Dank für die Bewahrung der heiligen Tiere, retteten diese ihnen später das Leben, als die Gallier versuchten den Berg zu erklettern und sie durch ihr Geschnatter die Römer warnten.
Selbst bei ihrem Versuch sich von den Galliern freizukaufen, rührten sie göttliches Gold nicht an, sondern erbaten stattdessen von den Frauen deren Schmuck um die Summe zu stellen. Diese durch Camillus zurückeroberte Beute soll später als Dank unter den Sessel des Jupiter gelegt worden sein und es sollten fortan Kapitolinische Spiele zu seinen Ehren abgehalten werden. Schließlich errichteten sie für die Warnung der Götter, die missachtet wurde, sogar noch ein Heiligtum an der Stelle, an der die Stimme zu Marcus Caedicius gesprochen hatte, um auch diesen Frevel wieder auszugleichen.
Es lässt sich also erkennen, dass die Römer, während sie vor der Schlacht an der Allia teilweise gleichgültig gegenüber religiösen Bräuchen waren und dies dann auch bitter erfahren mussten, jetzt zu ihnen zurückfanden und sich davor hüteten, die Götter ein weiteres Mal zu erzürnen. Dabei schreckten sie auch nicht davor zurück, ihr Leben in Gefahr zu bringen, so wie Fabius Dorsuo, oder auf all ihre Habe zu verzichten, nur um die Heiligtümer zu bewahren.
Dies war wohl ein Punkt, aus dem sie am meisten lernten und der wohl laut ihrer Sicht die meiste Schuld an ihrer Niederlage trug.

2.2.2. Strenge Einhaltung der Gesetze
Wo sie noch wenige Tage zuvor gegen das Völkerrecht verstoßen hatten, kehrten sie jetzt zu ihren strengen Regeln zurück. So beachteten sie aufs Genauste immer zuerst den Senat um Rat zu fragen, bevor sie etwas unternahmen. Ein Beispiel hierfür wäre die Ernennung Camillus’ als Führer. Hierbei respektierten sie die Gesetze, die ihnen vorschrieben, zuallererst den Senat zu konsultieren, ob es rechtes sei, diesen Heerführer aus der Verbannung zurückzurufen. Man nahm es also auf sich, einen Mann von Veji aus durch die Linie der Feinde zu schleusen, um den Senat nach seiner Meinung zu befragen. Dieser befahl eine Volksversammlung, die sodann in Veji abgehalten wurde, und erst nach dem Senatsbeschluß und dem Willen des Volkes kehrte Camillus, zum Diktator ernannt, aus der Verbannung zurück und übernahm die Führung des römischen Heeres um Rom zu befreien.
Auch zwischen den Verteidigern auf dem Kapitol und den Galliern wurde nach den römischen Gesetzen vorgegangen. So handelten sie, durch den Hunger so weit getrieben, einen Waffenstillstand aus und versuchten in Unterredungen mit den Belagerern, diese von einem Abzug zu überzeugen. Da die Gallier allerdings nur die Kapitulation forderten, bestritten sie diesen gegenüber ihre Not und warfen zum Beweis sogar noch Brot auf die Feinde hinab. Nachdem sie schließlich ohne Erfolg Tag für Tag nach dem Heer des Camillus Ausschau gehalten hatten, mussten sie dem Hunger nachgeben, denn die Soldaten hatten viel ertragen, doch gegen den Willen der Natur waren sie machtlos. So kam es schließlich, dass sie sich, statt zu kapitulieren, freikauften. Doch bevor alles Gold, das die Gallier gefordert hatten, zusammengetragen wurde, kam Camillus heran und erklärte das ganze für nichtig, weil es nach seiner Ernennung zum Diktator und außerdem von einem Beamten niederen Ranges ohne seine Zustimmung ausgehandelt worden war. Auch hier lässt sich eine genaue Beachtung der Rangfolge erkennen, die nicht jedem erlaubte solche Arten von Abkommen zu schließen.
Ein weiteres strenges Vorgehen nach Kriegsrecht lässt sich aus der Bestrafung des Wachpostens erkennen, der die das Kapitol erklimmenden Gallier übersehen hatte. Auch er wurde nach römischem Kriegsrecht für seine Unfähigkeit zum Tode verurteilt.
Die Römer lernten also sehr wohl etwas aus ihren vorherigen Fehlern im Umgang mit den Gesetzen und beachteten sie streng, gerade was die Konsultierung des Senats anging, um nicht noch einmal gegen das Recht zu verstoßen und dadurch eine Niederlage einstecken zu müssen.

2.2.3. Römische Tapferkeit
Was in der Schlacht an der Allia und in der darauf folgenden Flucht nicht mehr erkennbar gewesen war, wurde unter der kleinen Schar, die sich am Kapitol verschanzt hatte, wieder zum Leben erweckt – die römische Tapferkeit. Obwohl sie am Verzweifeln waren, ausgelöst durch den Kummer über verlorene Kameraden und auch das Entsetzen angesichts des anrückenden Feindes, schafften es die übrig gebliebenen Römer, einen kleinen Hoffnungsschimmer zu bewahren und daraus Kraft zu schöpfen. Sie verteidigten tapfer ihren Zufluchtsort und obwohl sie den Untergang ihrer Stadt vor Augen hatten, als die Gallier nach und nach die Gebäude in Brand steckten, waren sie doch bereit, um ihr nacktes Leben zu kämpfen und dachten nicht mehr an ihre Besitztümer und an Reichtum. Die alten, kampfunfähigen Männer machten den jungen Männern Mut, als diese aufs Kapitol zogen, während sie in ihren Häusern dem Tod ins Auge blicken wollten, weil sie den anderen sonst nur ein Klotz am Bein gewesen wären. Sie hatten nun wieder Leute, die es schafften, in einer aussichtslosen Lage den Mut der Männer zu erwecken.
Ein besonderes Beispiel römischer Tapferkeit während dieser Belagerung durch die Gallier war sicher C. Fabius Dorsuo, der furchtlos durch die Reihen der Feinde marschierte, um in einer traditionellen Zeremonie ein Opfer für die Götter darzubringen und hinterher, statt ins sicherere Veji zu flüchten, wieder aufs Kapitol zurückkehrte. Die Gallier waren von dieser Präsentation römischer Tapferkeit so überrascht, dass sie ihn gewähren ließen.
Auch Marcus Manilius zeigte in einer ausweglosen Situation einen unerschöpflichen Mut, als er, durch die Gänse der Juno geweckt, sich den Galliern stellte, während die anderen noch ihre Waffen zusammensuchen mussten.
Es lässt sich also feststellen, so schnell, wie die römische Tapferkeit an der Allia zerfloss kam sie auf dem Kapitol zurück. Sie lernten in soweit aus dem vorangegangenen Fehler, als sie, obwohl die Lage mehr als hoffnungslos war, doch noch fähig waren, genug Hoffnung in sich zu wecken, um unmögliches zu leisten.

2.2.4. Römische Organisation und Disziplin
Eine weitere Stärke der Römer, die nach dieser Niederlage wieder in die Reihen der Verteidiger zurückfand, war die Organisation und Disziplin. So waren die Kämpfer auf dem Kapitol weder ängstlich noch leichtfertig, sondern diszipliniert und gut organisiert, sowohl was die Bewachung ihres Zufluchtsortes anging, als auch was das Errichten eines Getreidelagers betraf. Sie ließen keinerlei Versagen mehr gelten. Beispielsweise stürzten sie den Wachposten, der die kletternden Gallier nicht bemerkt hatte, vom Kapitol hinab.
Sie machten sich jetzt auch endlich daran, einen Führer auszuwählen, der es schaffen konnte, die Gallier zu vertreiben. In Camillus fanden sie diesen Führer. Sie riefen ihn aus der Verbannung zurück, wie er es vorher von den Göttern erbeten hatte, und er sammelte ein Heer gegen den Feind und ging gezielt vor, ohne dass sich ein weiteres Mal Verwirrung und Kopflosigkeit breit machte. So überfiel er die Lager der außerhalb Roms herumstreifenden Gallier und Etrusker und metzelte diese kalt nieder , ehe er sich auf den Weg in die Vaterstadt machte und dort verhinderte, dass die Gallier sich ihren Abzug teuer bezahlen ließen. Er forderte die Gallier zum Kampf und diesmal waren diese es, die sich kopflos in die Schlacht stürzten und verloren, während die Römer sich so organisierten, dass der Vorteil auf ihrer Seite war. Die Flüchtenden wurden dann am achten Meilenstein gestellt, so dass „nicht einmal ein Bote der Niederlage (…) am Leben“ blieb.
Nichts mehr erinnerte zu diesem Zeitpunkt an das desorganisierte Heer an der Allia, die Römer hatten ihre Disziplin zurück. Nun kämpften sie wieder wie Römer und sowohl Glück als auch Vernunft waren auf ihrer Seite. Auch aus ihrer vorherigen Unfähigkeit zogen sie also ihre Lehren und schafften es hinterher, diese eine Niederlage durch die darauf folgenden Taten wieder wett zu machen.

2.3. Erneuter Fehler
Obwohl die Römer doch einiges aus der Niederlage an der Allia gelernt hatte, begingen sie hinterher beinahe einen erneuten Fehler. So wollten sie angesichts der zerstörten Stadt Rom nach Veji übersiedeln. Camillus versuchte dies durch eine Rede zu verhindern. Er erklärte ihnen, dass sie dadurch die Götter nur erneut erzürnen würden, weil schließlich Götter und Menschen den Platz für die Gründung der Stadt Rom ausgesucht hatten und dies nicht grundlos. Außerdem würde es so aussehen, als wären die Gallier letztendlich doch siegreich gewesen, weil sie es geschafft hätten, Rom zu zerstören und die Römer endgültig zu vertreiben. Auch appellierte er an ihre Ehre, wenn er davon sprach, dass sie zwar ihre Tapferkeit mitnehmen konnten, nicht jedoch das Glück, das in diesem Boden liegt und sich nicht verpflanzen lasse. Den größten Eindruck machte sicher der religiöse Teil dieser Rede, doch noch waren die Senatoren nicht überzeugt. Erst die Worte eines Centurios, die sie als Zeichen der Götter auslegten, stimmten sie endgültig um, die da lauteten: „Feldzeichenträger, halt! Es ist am Besten, wenn wir hier bleiben.“ .
Es war sozusagen ein neuer Fehler im Argen, der jedoch durch, nennen wir es göttliche Fügung verhindert wurde. Möglicherweise eine neue Lehre aus der Vergangenheit: Die Warnungen der Götter sind nicht immer offensichtlich, aber man sollte sie trotzdem nicht ignorieren.

3. Resümee

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Römer Niederlagen verkrafteten, indem sie hinterher Erklärungen dafür suchten. Wenn man nun verschiedene Niederlagen und verschiedene Geschichtsschreiber vergleichen würde, könnte man erkennen, dass dies immer nach denselben Mustern geschah. So findet sich darin, dass sie den Zorn der Götter erregt haben, weil sie deren Warnungen missachtet hatten. Die Niederlage also nicht in menschlicher Hand lag, sondern der Wille der Götter war, um die Römer auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen. Außerdem war es immer wichtig, einen Sündenbock für das Vorgefallene zu finden, welcher meist in den militärischen Führern verkörpert wurde. Man benötigte diesen Sündenbock, um nicht das ganze römische Volk als unfähig zu verurteilen, sondern das ganze auf einen Schuldigen beschränken zu können. In diesem Fall kommt dann auch noch die Völkerrechtsverletzung hinzu, die sozusagen der Auslöser für diesen Krieg war. Das Besondere bei dieser Niederlage war jedoch, dass sie gegen die Gallier aus ihren Fehlern lernten. Man kann das Werk Livius’ somit in zwei Teile einteilen, einmal die Fehler, die zur Einnahme der Stadt Rom führten, und dann die Lehren (ab Kapitel 39), die sie daraus zogen und wodurch sie ihre Vaterstadt wieder zurückeroberten. All diese Lehren, die sie aus dem Unglück zogen, heben hinterher die Fehler wieder auf, so dass schließlich doch wieder das Bild der starken, unbesiegbaren Römer entsteht, die zwar eine Niederlage erlitten haben, aber eigentlich, wie man hinterher auch feststellen kann, auch daraus lernten und sie dadurch mehr als wett machten.
Es ist wohl immer einfacher, eine Niederlage zu verkraften, wenn man sie erklären kann und das war sicher nicht nur bei den Römern der Fall. Hier muss man natürlich sagen, dass die römischen Geschichtsschreiber schon Meister ihres Werkes und nicht auf den Mund gefallen waren, wenn es darum ging, Erklärungen zu finden.
Letztendlich lässt sich also feststellen, dass sie diese Niederlage ganz gut überwunden haben, wobei ihnen ihr anschließender Sieg über die Gallier sicherlich sehr hilfreich dabei war, da sie dadurch erkennen konnten, dass sie noch immer starke und tapfere Römer waren.
Was nun das Ende dieser Belagerung Roms durch die Gallier angeht, da gibt es auch hier verschiedene Ausgänge. So schreibt Livius von der oben genannten Vertreibung durch Camillus, während „Polybios (…) von einer gelungenen Heimkehr der Kelten samt ihrer Beute“ spricht. Was nun der Wahrheit entspricht, sei dahingestellt. Ich habe mich in dieser Arbeit hauptsächlich mit dem Werk des Livius und somit auch mit seinem Ausgang des Vorfalls beschäftigt.




Literaturverzeichnis


© 12.10.2004 by ARATOS. email: aratos_99@web.de